03.03.2021 (Abend)

Diejenigen unter euch, die mir auf Facebook folgen, haben sich sicher schon das eine oder andere Mal gefragt, warum in aller Welt ich täglich X Schreckensmeldungen aus Nordäthiopien teilen muss. Vielleicht verdreht ihr dann die Augen und scrollt genervt durch meine Timeline, bis ihr endlich auf den nächsten Blog-Eintrag stosst.

Die überwiegende Mehrzahl meiner Followerinnen auf Facebook stammt aus Eritrea oder Äthiopien. Das sind auch die Klient*innen, die mir bei Give a Hand.ch ihre Lebensgeschichten und damit nicht selten eine grosse Verantwortung ihr weiteres Leben betreffend anvertrauen. Ob sie nun heiraten können oder nicht, hängt davon ab, ob jemand sie durch den Dschungel an Zivilstandsverordnungen begleitet. Ob ihr Fall wieder aufgenommen wird oder nicht, hängt davon ab, ob jemand für sie ein Gesuch schreibt und dieses auch noch gut begründet. Ob sie nach einem Negativentscheid in ein Rückkehrzentrum ohne Arbeit, Tagesstruktur und Ausbildung geschickt und dort bis zu ihrer „freiwilligen“ Ausreise aufbewahrt werden, oder ob sie in einer Schweizer Familie weiterhin so etwas wie Menschlichkeit erfahren, hängt davon ab, ob jemand für sie das Netz an privaten Unterbringern aufbaut und pflegt.

Mein ehrenamtliches Engagement ist zuweilen durchaus belastend, weil es oft einem Kampf gegen bürokratische Windmühlen ähnelt, aber es ist gleichzeitig auch voll wirklichen Lebens. Ich habe das Glück, jeden Tag Menschen begegnen und sie ein Stück auf ihrem Weg begleiten zu dürfen. Das ist ein Privileg, welches ich nicht hoch genug einschätzen kann.

Das mir entgegengebrachte Vertrauen ist aber auch eine Aufgabe, die verpflichtet.

Ich empfinde es als meine Verantwortung, denjenigen unter meinen Klienten, welche Opfer von Ausbeutung, Diktatur und Menschenrechtsverletzungen geworden sind, eine Stimme zu verleihen. Das tue ich einerseits, indem ich sie den Behörden gegenüber anwaltschaftlich vertrete. In Beschwerden ans Bundesverwaltungsgericht zitiere ich meine Klient*innen häufig, um das, was sie mir erzählt haben, anschaulich und damit lebendig werden zu lassen. Wenn ich sie zu Terminen begleite, bemühe ich mich, ihre Anliegen in eine für die Behördenvertreter verständliche Sprache zu übersetzen – und umgekehrt. Wenn nötig mache ich von der mir erteilten VollmachtGebrauch und beharre darauf, dass das Gesagte so protokolliert wird, wie der Klient es gemeint hat. Das ist wichtig, denn das Unrecht, das vielen meiner Klient*innen widerfahren ist und zum Teil noch immer widerfährt, muss dokumentiert werden. Nur dann ist es für eine allfällige Aufarbeitung durch künftige Generationen verfügbar. Bei uns im Westen reicht die mündliche Überlieferung dafür nicht; Abläufe, Entscheide und Gesetze müssen verschriftlicht werden, um Gültigkeit zu erlangen, und es sind schriftliche Zeugnisse, auf Grund derer früher begangenes Unrecht zweifelsfrei nachgewiesen werden kann.

Welches Gewicht hätten Berichte von KZ-Insassen Heute, wäre der grösste Massenmord auf europäischem Boden nicht so akribisch von den Tätern dokumentiert worden? Hätte man den Überlebenden geglaubt?

Was wären die Berichte von Opfern der Zwangsfürsorge wert, wenn sie nicht mit Hilfe von Protokollen aus Heimen und Vormundschaftsämtern verifiziert werden könnten? Glaubte man den früheren Verdingkindern, was ihnen angetan wurde?

Würden wir von der Aktionsgruppe Nothilfe nicht mit Hilfe von Medienberichten den Abgewiesenen immer wieder eine Stimme geben – würden künftige Historiker nachvollziehen können, wie sie gerade zu Dutzenden aus ihren Ausbildungen herausgerissen werden, um in Rückkehrzentren zu verelenden?

Auch das unvorstellbare Grauen, das gerade jetzt im Tigraygebiet vor sich geht, muss ich dokumentieren helfen. Ich glaube, dass ich das meinen Klient*innen schuldig bin, sehen doch weder die Justizministerin noch das Staatssekretariat für Migration irgendeine Veranlassung, ihre Äthiopien- und Eritrea-Politik zu überdenken. Wenn schon nicht jetzt, dann werden vielleicht wenigstens Historiker in einigen Jahren aufarbeiten, was diese Behörden gerade ignorieren. Dann wird sich ein zukünftiger Justizminister oder eine zukünftige Justizministerin dann zumindest bei den Betroffenen für das begangene Unrecht durch Wegschauen entschuldigen müssen. Das hoffe ich wenigstens…

Es ist unerlässlich, dass das Unrecht, welches den Unterlegenen – oft sind es Angehörige von Minderheiten – widerfährt, mit Hilfe von ebenso hartnäckiger wie sorgfältiger Dokumentation festgehalten wird. Wird das Unrecht dadurch nicht verhindert, so lösen Berichte darüber vielleicht doch irgendwann einen Sinneswandel aus, sodass potentiellen Opfern dasselbe Leid künftig erspart bleibt.

Auch Kinder und ihre entfremdeten Eltern sind eine Minderheit, die im Denken vieler Behördenmitglieder noch gar nicht existiert. Es gibt darüber zwar schon seit Jahren wissenschaftliche und auch gut dokumentierte Abhandlungen, doch deren Botschaft scheint in vielen Amtsstuben und Anwaltskanzleien noch nicht angekommen zu sein. Wie sonst liesse sich erklären, dass zur selben Zeit zwei gleichaltrige Jungs von ihren Vätern, die sich kannten, entfremdet werden konnten? Die Mütter, die ebenfalls untereinander Kontakt haben, machten mehrmals auf die augenfälligen Parallelen aufmerksam – doch ihre Meldungen und Hinweise wurden von den zuständigen Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden, von den Kinderanwälten, den Gutachtern und natürlich auch vom Gericht hartnäckig ignoriert. Für diese „Fachleute“ sind K. und ich anscheinend weiterhin einfach Mütter, die den Willen ihrer Kinder partout nicht akzeptieren können.

Für all die künftigen R.s und Y.s, für ihre entfremdeten Mütter oder Väter, für alle Grosseltern, Cousinen, Onkel und Tanten, die plötzlich und unverhofft zu Monstern wurden, vor denen die Kinder, mit denen sie zuvor Velofahren und schwimmen gingen, mit denen sie Uno und Verstecken spielten, mit denen sie Skifahren und Schlittschuhlaufen lernten, nun plötzlich Angst haben, sodass sie sie nicht mehr sehen dürfen – für sie alle schreibe ich diesen Blog. Mein Wunsch ist es, dass meine Beiträge andere Betroffene erreichen, so wie vor anderthalb Jahren K.s Recherchen über Entfremdung mich von meinen quälenden Selbstzweifeln befreiten. Ihr dürft diesen Blog ruhig weiter empfehlen, wenn ihr wie F. glaubt, dass dasselbe Unheil gerade in eurer Verwandtschaft seinen Lauf nimmt. Jemanden an seiner Seite zu haben, der Einem in einer vergleichbaren Situation zumindest rational erklärt, was da gerade abläuft, rettet Einen wenigstens vor dem Verlust seines Selbstvertrauens und damit vor dem kompletten Kollaps…

Im besten Fall kann eine drohende Entfremdung frühzeitig erkannt und so verhindert werden. Heute durfte ich zu meiner grossen Freude genau das erleben! Einem Klienten, den ich seit Juli 2020 in einer äusserst konflikthaften Familiensituation begleite, wurde Heute sein KESB-Entscheid zugestellt. Darin kam tatsächlich zwei Mal die Wendung „drohende Entfremdung“ vor, und die vom abklärenden Sozialarbeiter und künftigen Beistand aufgegleisten Massnahmen, mit denen der Kontakt zwischen meinem Klienten und seinen Kindern sichergestellt werden soll, wurden verankert.

Matchentscheidend war, dass sich mir der Klient bereits vom Zeitpunkt der Eskalation an anvertraut hatte. So hatte ich die Möglichkeit, ihn beim Einreichen der nötigen Korrespondenz zu unterstützen, ihn zu wichtigen Terminen zu begleiten und gemeinsam mit ihm auch eine Anwältin zu suchen. Genauso wichtig waren aber die regelmässigen Gespräche während der unerträglichen Wartezeit, in der er seine Kinder gar nicht sehen konnte, oder aber dann nach geplatzten Treffen, zu denen die Kinder nicht wie verabredet hingebracht wurden.

Ich bezweifle, ob es mir da jedes Mal gelungen wäre, meinen Klienten emotional wieder abzuholen, hätte ich ihm nicht durch meine eigene Erfahrung bedingt glaubhaft versichern können, dass nur Ruhe und unendlich viel Geduld ihn wieder in regelmässigen Kontakt zu seinen Kindern bringen würden. „Mach nicht die Fehler, die ich gemacht habe“, beschwor ich ihn mehr als einmal. „Dass du unendlich wütend bist, verstehe ich besser, als du dir vorstellen kannst. Aber wenn du dich von ihr provozieren lässt, dann hast du verloren.“

Zweifelsohne ist uns zu Gute gekommen, dass der abklärende Sozialarbeiter sich sehr offen und zugänglich für unsere Anliegen zeigt. Ihm scheint wirklich am Herzen zu liegen, dass der Vater auch künftig im Leben seiner Kinder Platz hat.

Bis jetzt hat es funktioniert. Hoffen wir, dass sich die bewundernswerte Selbstbeherrschung meines Klienten, der sich auch sonst in einer extrem schwierigen Lage befindet, auch weiterhin dadurch auszahlt, dass er wenigstens regelmässig Zeit mit seinen Kindern verbringen kann! Denn wisst ihr Was? Jede Stunde mit seinen Kindern, zu der ich ihm verhelfe, ist für mich gleichzeitig ein kleiner Sieg über all jene, die mich gewaltsam von R. trennen.

Ach übrigens! Das hätte ich beinahe vergessen: Falls ihr es Leid seid, auch in Zukunft durch meine Timeline zu scrollen, dann steigt doch ganz einfach um. Wohin? Auf

https://entfremdet.blog/

!

Hinterlasse einen Kommentar