20.04.2022 (Abend)

Ihr Lieben

Da bin ich Heute doch noch ganz kurz.

Ich bin ziemlich kaputt, denn Heute habe ich das getan, was sich nach einer Enttäuschung wie der von Gestern bislang immer bewährt hat: Ich habe mich in die Arbeit gestürzt. Insgesamt sieben Stunden lang habe ich geschrieben, telefoniert, Informationen ausgetauscht und dafür gesorgt, dass sich ein paar Bundesverwaltungsrichter übermorgen wieder ärgern müssen. Zudem habe ich meine Post erledigt, bin mit Oak spazieren gegangen und habe den Welpen meiner Postassistentin knuddeln dürfen. Insgesamt also ein durchaus erfolgreicher und guter Tag.

In der heutigen Podcast-Folge mit Steffi Stahl „für alle normal Gestörten“ ging es diesmal um Resilienz. Wie bestellt, mögt ihr sagen, aber so geht es mir oft. Nicht selten finde ich die Antworten auf brennende Fragen, ob nun bewusst formuliert oder nicht, wie zufällig in einem guten Buch oder seit gut zwei Jahren eben in Podcasts. Vielleicht könnt ihr euch noch entsinnen, dass ich gerade in dieser schwierigen Zeit geradezu ein Podcast-Junkie geworden bin. Während diese Podcasts lange Zeit dazu dienten, mich einfach nur vom Grübeln abzuhalten und daher eher aus der seichten True crime-Ecke stammten, erweitere ich Heutzutage meinen Horizont während der Spaziergänge mit Oak mit Podcasts zu Gesellschaft, Psychologie, Religion und Geschichte. Unglaublich, ihr Lieben, was man da so alles lernen kann, während man an der frischen Luft ist!

Einige Favoriten habe ich euch schon letztes Jahr vorgestellt. „Betreutes Fühlen“, „die Pfarrerstöchter“, „Zeit Verbrechen“ und natürlich die Podcasts mit Stefanie Stahl begleiten mich noch immer. Hinzu kam ein neuer Podcast mit Leon Windscheid, der ja auch beim „betreuten Fühlen“ mit von der Partie ist. In „besser so“ geht es um Menschen, die sich nach Krisen, Krankheiten oder anderen einschneidenden Lebensereignissen umorientieren und einen neuen Weg finden müssen. Ausgesprochen inspirierend, kann ich euch sagen!

Und heute Morgen ging es bei Steffi Stahl im Podcast wie bereits erwähnt um Resilienz. Das machte mich hellhörig, denn ich will verstehen, weshalb mich das geplatzte Treffen mit R. gestern nicht aus den Latschen gehauen hat.

Klar. Da ist zum Einen die Zeit, die seit dem Verlust und der Hölle danach vergangen ist. Die Erinnerung an R. ist zwar noch da, aber sie ist doch nicht mehr ganz so lebendig. Viele Orte und Personen vermochte ich mittlerweile mit neuen Erinnerungen zu besetzen. Seit unsere iranische Mitbewohnerin P. letzten November nach England weitergezogen ist, habe ich sogar R.s Zimmer, das zu betreten ich zuvor tunlichst vermied, in ein Büro umwandeln können, in dem ich nun arbeite und jetzt auch blogge.

Was ist es, das uns schlimme Dinge überleben lässt? Laut Steffi Stahl sind es sieben Säulen, die uns resilient, also auch Herausforderungen gegenüber widerstandsfähig machen.

Zum Einen braucht es einen gewissen Grad an Optimismus, den Glauben daran, Dinge schaffen und verändern zu können. Ist dies nicht möglich, dann muss man irgendwann den Punkt erreichen, das Unabänderliche zu akzeptieren. Oft ist es gar nicht so leicht, sich selbstwirksam zwischen diesen beiden Polen zu bewegen. Nicht umsonst hat Schopenhauer Gott gebeten, ihm sowohl mut für Veränderungen wie auch die Gelassenheit, das Unabänderliche anzunehmen, zu verleihen. Und schliesslich wünschte er sich auch noch die Weisheit, das Eine vom Andern unterscheiden zu können.

Lange Zeit habe ich daran geglaubt, R. zurückzugewinnen, wenn ich nur genug um ihn kämpfen würde. Das hiess für mich nie, dass ich an ihm selbst herumgerissen hätte, aber ich habe bis zuletzt vor Gericht um Gerechtigkeit gekämpft.

Bereits an einem sehr frühen Punkt aber muss ich mehr unbewusst als bewusst realisiert haben, dass R. nicht mehr zu mir zurückkommen würde. Bereits drei Tage vor der sogenannten „Einigungsverhandlung“ bei Gericht am 23. Oktober 2019 habe ich in einem langen Brief Abschied von R. genommen. Irgendwie ahnte ich, dass ich wohl sehr lange ohne ihn würde leben müssen.

Gleichwohl war das mit der Akzeptanz eine ganz ganz schwierige Geschichte! Während ich sonst sehr flexibel auf Veränderungen reagieren kann und mich als durchaus anpassungsfähigen Menschen bezeichnen würde, war dieser Abschied von R. unendlich lang und schmerzvoll. Oft hatte ich das Gefühl, diesen Verlust rein physisch nicht zu überleben.

Natürlich ist R. mein Kind. Man braucht nur zu beobachten, was geschieht, wenn man einer Tiermama ihre Jungen wegnimmt. Das wird ganz schnell ganz blutig, und auch in mir drin weckte die unfreiwillige Trennung von R. bedrohlich archaische Triebe.

Hinzu kommt wohl auch, dass R.s Weggang aus meinem Leben mich trotz einer im Nachhinein langen Vorlaufzeit doch vollkommen kalt und auf dem falschen Fuss erwischt hat. Als R. nach dem gerichtlich angeordneten Algerienurlaub im Sommer 2019 nicht mehr zurückkam, hatte ich dies zwar in Gedanken bereits befürchtet und daher auch vorhergesehen, doch emotional war ich doch vollkommen unvorbereitet. Es brach einfach über mich herein; in meiner emotionalen Vorstellungswelt war diese Art der Eltern-Kind-Entfremdung schlicht nicht existent. Totaler Kontrollverlust!

Wohl gerade deshalb war meine Arbeit in den ersten Monaten geradezu überlebenswichtig. Sie allein gab mir noch so etwas wie eine Daseinsberechtigung, ein Gefühl der Selbstwirksamkeit. Durch sie blieb ich handlungsfähig.

Im Sommer 2020, also ein knappes Jahr nach dem Verlust, stand einer meiner Klienten vor der Situation, seine beiden Kinder plötzlich nicht mehr sehen zu dürfen. Für mich war klar: „Ich werde nicht zulassen, dass dieser Vater ebenfalls von seinen Kids entfremdet wird!“

So begann ich, diesen Vater zu begleiten. Ich kontaktierte gemeinsam mit ihm die KESB (ja, ihr Lieben! Ihr habt richtig gelesen: Die KESB!). Ich begleitete ihn zu den Anhörungen, nahm Kontakt mit dem ernannten Beistand auf und half mit, nach nur zwei Monaten wieder erste Treffen aufzugleisen. Dank meinen eigenen Erfahrungen konnte ich die anfänglich grenzenlose Wut und Trauer dieses Vaters ertragen; ich brauchte sie nicht wegzureden. Ich hörte zu, litt mit ihm mit, ermutigte ihn und brachte so wieder auf den Boden zurück.

Fast zwei Jahre lang sorgte ich über den Verein dafür, dass dieser Vater allen Widrigkeiten zum Trotz regelmässig seine Kinder sehen konnte. Dabei lernte auch ich viel von ihm, denn seine Lage ist um Einiges schwieriger als die Meine. Als abgewiesener Asylsuchender wird er von einem Rückkehrzentrum ins Nächste verschoben, ohne Privatsphäre, ohne Geld, ohne wirkliche Perspektive. Für kurze Zeit schwebte sogar das Damoklesschwert einer zwangsweisen Rückführung ins Herkunftsland über ihm.

Die Resilienz dieses Mannes ist beeindruckend. Sie speist sich aus seiner eisernen Disziplin als Läufer und aus seinem von Kindesbeinen an gelebten, orthodoxen Glauben mit seinen zahlreichen Fastentagen, zu denen auch nächtliche Kirchgänge gehören.

Nicht selten war ich froh, in der Begleitung dieses Vaters auf das tatsächlich in ihm vorhandene Gottvertrauen zurückgreifen zu können!

Diese Begleitung, zusammen mit meiner übrigen Arbeit für den Verein, half mir enorm, aus meiner Opferrolle herauszufinden. Nicht nur mir geschah Unrecht. Viele meiner KlientInnen sind noch existentieller von behördlicher Willkür betroffen. Indem ich ihnen beistand, passierte es nicht nur mit mir, sondern ich konnte selbst Einfluss nehmen und zuweilen sogar etwas zum Besseren wenden. Wenn auch nicht für mich, so gelang es mir doch wenigstens manchmal, für den Einen oder Anderen eine Aufenthaltsbewilligung zu erstreiten oder – war das Glück nicht auf unserer Seite -, dann zumindest die Enttäuschung mit ihm zusammen durchzustehen und gemeinsam nach Lösungen für die Zukunft zu suchen. Kurz: Konnte ich schon keine Lösung für meine eigene Situation finden, dann durfte ich wenigstens an der Lösungssuche im Leben Anderer mitarbeiten.

Die Begleitung dieses Vaters brachte mich diesbezüglich noch einen Schritt näher an meine eigene Situation heran: Gemeinsam mit ihm bewegte ich mich jetzt auf einem Terrain, welches durch die eigenen Erfahrungen derart vermint war, dass das Schild mit der Warnschrift „Achtung! Lebensgefahr!“ mich eigentlich auf riesengrosse Distanz hätte halten müssen.

Aber hier durfte ich erleben, dass es durchaus engagierte und verständige Beistandspersonen gibt, und dass man, wenn man nicht allein ist, auch der KESB nicht ohnmächtig ausgeliefert sein muss.

Und so begann ich wieder, in die Zukunft zu blicken. Die Zeit, in der ich mich von einem verfluchten, endlos langen Tag zum Nächsten gehangelt und von einer schlaflosen Nacht in die Nächste gequält hatte, ging zu Ende. Ganz langsam war es mir so auch möglich, mich mit den eigenen Anteilen an dieser Entfremdung auseinanderzusetzen. Im Februar 2021 verfasste ich den ersten Blog-Beitrag, und nur wenig später nerdete ich mich durch den psychologischen Artikel, den ich von der Leiterin des Marie Meierhofer-Instituts erhalten hatte. Mit meiner Superpsy konnte ich nun nicht mehr nur an Überlebensstrategien arbeiten, sondern mich mit Hilfe von Stefanie Stahls Buch auf die Suche nach meinem inneren, in vieler Hinsicht doch sehr heimatlosen Kind machen.

Und dann plötzlich lief Vieles von selbst: Über den Blog kam die Radiosendung auf SRF zustande, etwas, was wiederum die Kontaktaufnahme mit R.s neuer Beiständin, Frau Schw., massiv erleichterte. Bevor wir uns das erste Mal trafen, konnte sie sich bereits einen ersten Eindruck von mir verschaffen, und mir nahm das wiederum enorm viel Druck weg. Ich fühlte mich nicht mehr so krass in Erklärungs- und Rechtfertigungsnot.

Natürlich lief es nicht immer rund, aber die Achterbahnfahrten fielen nach Rückschlägen nun nicht mehr ganz so garstig aus. So hatte ich auch wieder Luft, lange vernachlässigte soziale Kontakte zu reaktivieren. Plötzlich hatte ich wieder Lust, auszugehen und Dinge zu unternehmen. Das Gelingen meines Alltags war nun nicht mehr ganz so fest von den lange liebevoll gepflegten Routinen abhängig; die Zeit, in der ich mich nur äusserst dosiert, nämlich zum Arbeiten, unter Menschen begeben hatte, weil mich soziale Interaktionen sonst leicht aus der Bahn zu werfen drohten, neigte sich dem Ende zu. Ich empfand wieder Lust am Lernen, probierte Unbekanntes aus, entwickelte gar neue Hobbies.

Mit Hilfe meiner Psychologie-Podcasts und natürlich der Superpsy gelang es mir dabei mehr oder weniger, die Bodenhaftung zu behalten. Die Erfahrungen der vergangenen drei Jahre hatten mir überdeutlich meine eigenen Grenzen vor Augen geführt. Ich kam nun nicht mehr um die Einsicht herum, dass, würde ich diese wieder ständig überschreiten, mich dies ganz teuer zu stehen käme.

So bemühe ich mich, meinen Weg in die Zukunft Portionenweise anzugehen. Mittlerweile bin ich zufrieden mit kleinen Erfolgen. Ich plane nie mehr als zwei oder drei feste Termine an einem Tag ein. Ziel-, kopf- und vor allem pausenlos in der Weltgeschichte herumgehustlet bin ich genug. Das brauche ich nicht mehr. Ich brauche auch niemandem mehr etwas zu beweisen, auch mir selbst nicht. Allein der Umstand, dass ich diese Sache hier überlebt habe, ohne den Glauben an die Menschheit zu verlieren, ist Leistung genug, finde ich. Und die Tatsache, dass ich ob all dem NIE eine Frist vor dem Bundesverwaltungsgericht verpasst habe, also nie einen Klienten für meine Probleme habe herhalten lassen, finde ich auch ganz schön erstaunlich!

Zum Schluss möchte ich aber all denen, die gestern mit mir mitgefiebert und später auch mitgelitten haben, ein riesiges Merci sagen! Es ist nun einmal wahr, dass geteilte Freude doppelt und geteiltes Leid dagegen nur halb wiegt. Dank dem Blog kann ich all dies mit euch teilen, und ich bin sehr dankbar dafür, dass ihr mir so treu beim Tragen helft!

Ganz kurz? Hmmm…Jetzt war ich doch länger da als geplant. Nun aber gute Nacht euch Lieben! Habt süsse Träume!

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