23.06.2021 (Nachmittag)

Ihr Lieben

Wow! Habe ich eben Aha-Erlebnisse gehabt! Womit? Mit den Schutzstrategien, die von (Schatten(kindern) entwickelt werden, um unangenehme Gefühle in bestimmten unschönen Situationen in der Kindheit besser handhaben zu können; wie spannend, was aber geschieht, wenn diese Strategien unreflektiert mit ins Erwachsenenalter hinübergenommen werden!

Ihr seht, ich bin mitten drin in Stefanie Stahls Buchüber das innere Kind. Obgleich ich meine inneren Glaubenssätze noch nicht schriftlich festgehalten habe erkenne ich sehr wohl, welch ungünstige Coping-Strategien ich mir daraus zurechtgebastelt habe. „Angriff ist die beste Verteidigung“, zum Beispiel, oder auch ein teilweise etwas übersteigertes Bedürfnis nach Macht und Kontrolle. Das „Helfersyndrom“ scheine ich relativ erfolgreich hinter mir gelassen zu haben, aber ein gewisses Streben nach Perfektion wohnt mir wohl noch immer inne und vermeidet, dass ich schwierige Aufgaben zeitnah angehe. Was mir nicht bewusst war ist, dass ich gelegentlich auch passiv aggressiv (re)agiere; ist mir etwas nicht einsichtig oder gar zuwider, dann erledige ich es schlicht nicht.

Selbstverständlich komme ich da auch nicht umhin, gewisse Schutzstrategien bei meinen Liebsten zu beobachten. Ich muss aufpassen, dass ich hier bei mir selbst bleibe und mich nicht dazu hinreissen lasse, in den kommenden Tagen meine gesamte Umgebung auf die Couch zu legen. Das wäre nicht nur unangebracht, sondern es würde mich auch von meinem eigentlichen Ziel, mein eigenes inneres Kind zu finden, ablenken. Witzig ist es aber ohne Zweifel, wenn man selbst beim so umgänglichen Paps passive Aggression als schattenkindliche Schutzstrategie diagnostizieren muss…

Aber genug davon. Schliesslich werde ich den Blog „meine schrecklich normale Familie“ wenn überhaupt zu einem späteren Zeitpunkt führen.

In einem Punkt jedoch hat mich Stefanie Stahl klar bestätigt; Kaders Verhalten ist durchaus von aggressiver Natur. Der Unterschied zu mir, die ich landläufig als impulsiv oder gar aggressiv wahrgenommen werde ist, dass seine Aggression passiver, also nicht sichtbarer Natur ist. Er gibt zwar vor, Dinge zu tun oder zu ändern, unterlässt dies dann aber einfach, weil er die Notwendigkeit dafür schlicht nicht einsieht.

Wie oft hat mich das in den vergangenen Jahren zur Weissglut getrieben! Und dann erging es mir wie Vielen, die in solchen Konstellationen leben: Die Täter-Opfer-Perspektive dreht sich um, weil derjenige, der aktiv agiert, dann plötzlich als der aggressive Part wahrgenommen wird. Ich könnte laut loslachen, wenn ich mir vorstelle, dass sämtliche sogenannten „Fachleute“ inklusive Beiständin Chaudhary, „Fachgutachter“ Huggler und Diplompsychologe Zuber auf dieses bekannte Psycho-Phänomen hereingefallen sind! Doch genau das passiert eben, wenn man sich strikte weigert, familiensystemtherapeutisch an derlei Geschichten heranzugehen.

In den vergangenen Wochen habe ich mich mehrfach mit dem Thema „Opfer“ auseinandergesetzt; wie ihr Wisst, ziehe ich mir regelmässig „True Crime“-Podcasts rein, und zum Beispiel bei dem von der Zeit herausgegebenen Format „Verbrechen“ beschäftigen sich die Autoren vornehmlich mit den hinter der Tat liegenden Motiven.

Gerade, wenn es um Gewalt gegen Frauen und die dabei noch immer frappierend hohe Dunkelziffer geht frage ich mich , ob das etwas mit dem, was mir mit R. widerfahren ist, zu tun haben könnte. Ist Frau wirklich nur dann ein Opfer, wenn sie körperlich misshandelt wird? Was ist mit struktureller oder kulturell verankerter patriarchaler Gewalt, bei der es genügt, dass Frau weiss, dass sie existiert und dass sie im Zweifelsfall auch angewendet wird? Weshalb habe ich so lange gewartet, mein Recht gegenüber R.s Vater einzufordern, obgleich mir bewusst war, dass das bei der Scheidung 2016 vereinbarte Modell vollkommen zu meinen Ungunsten ausfiel? Wusste ich, was folgen könnte, wenn ich die labile kleine Welt des Vaters ins Wanken brächte? War mir unterschwellig bewusst, dass die Vorbehalte mir als blinder Mutter gegenüber in den Köpfen der Entscheidungsträger noch sehr tief sassen? Und rechnete ich insgeheim auch damit, im Zweifelsfall von unseren Behörden nicht gegen die Aggression dieses muslimischen Mannes geschützt zu werden?

Fakt ist, dass man meine Ängste, der Vater könnte mir R. wegnehmen wollen, zu keinem ZeitpunktErnst genommen hat. Dies, obgleich diese Verhaltensweisen von Männernaus dem nordafrikanischen Raum bekannt sind. Je panischer ich nach Hilfe suchte, umso stärker habe ich mich von den Verantwortlichen zurückgestossen gefühlt. Nicht selten kam ich mir vor wie eine lästige Fliege, die man sich gern vom Leib halten wollte.

Auch ich ertappe mich dabei, mit Klient*innen, welche Opfer von patriarchalen Strukturen sind bzw. die gerade im Begriff sind, sich potentiell dazu machen zu lassen, nicht immer sehr empathisch umgehe. Im Nachhinein erschreckt mich das immer, und es lässt ein Gefühl von tiefstem Unbehagen, aber auch von grosser Ratlosigkeit in mir zurück.

Ich selbst hasse es, mich als Opfer zu sehen, und speziell widerstrebt es mir, mich als Opfer strukturell männlicher Gewalt bezeichnen zu müssen. Aber ist es am Ende nicht ein ungeheurlicher Gewaltakt, einer Mutter ihr Kind nur deshalb wegzunehmen, weil die Beziehung mit ihr gescheitert ist und weil die neu angeheiratete junge Schönheit einen allfälligen Kontakt nicht tolerieren könnte? Ist es nicht unglaublich, dass eine bekannte, zutiefst kulturell verankerte Praxis, gekoppelt an veraltete Ehr- und Männlichkeitskonzepte, mitten unter uns von den eigenen Behörden einfach unhinterfragt akzeptiert, ja sogar noch forciert wird?

Je mehr Distanz ich emotional zu dem Geschehenen herzustellen vermag, umso fassungsloser stehe ich dem, was R. und mir zugestossen ist, gegenüber. Da wird zugelassen, dass dieses Kind die entscheidenden Jahre seines Heranwachsens nun in einer völligen Parallelwelt zubringt, einer Welt, in der unsere westlichen Werte von (allerdings leider oft noch angeblicher) Gleichberechtigung keinen Pfifferling wert sind. Einer Welt, in der Schwule und Juden des Teufels sind und in der eine Mutter ausgedient hat, sobald ein jungfräulicher Ersatz herbeigeschafft werden kann, der den Nachwuchs versorgen hilft!

Der Umstand, dass ich das Erlebte hier noch nicht einmal aufschreiben ddürfte, weil es politisch viel zu inkorrekt ist, verstärkt meine hilflose Wut angesichts des Gewesenen noch. Und wahrscheinlich ist es genau dieses Wissen um die eigene Hilflosigkeit, welche mich (potentiellen) Opfern gegenüber zuweilen mit Ablehnung begegnen lässt. Ich wurde nicht geschützt, als ich die Katastrophe herannahen fühlte. Mich gemeinsam mit einer Klientin auf eine vergleichbar aussichtslose Reise zu begeben,  würde mich emotional wohl derart überfordern, dass sich das für die Frau schliesslich als Boomerang auswirken könnte.

Deshalb halte auch ich mir diese Frauen vom Leib, wohl genauso wenig empathisch, wie man sich mich vor etwas mehr als zwei Jahren vom Leib zu halten versuchte.

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