Ihr Lieben!
Gegenwärtig bin ich wieder einmal zum Warten verdonnert. Dieser „Standby Modus“ – obgleich er mir vom Verfahren her nur allzu bekannt ist – ist zwar zermürbend und macht mich unproduktiv, aber immerhin lässt er irgendwo am fernen Horizont noch dieses kleine, überlebensnotwendige Fünklein Hoffnung glimmen, welches mir das Aushaaren als am Ende vielleicht doch lohnend erscheinen lässt.
Am Freitag hat Frau Schw. mir den Empfang meiner Mail bestätigt. Wie zu erwarten wird sie sich nun zunächst ins Dossier einlesen müssen, welches ihr gerade erst übergeben worden ist. Sie hat jedoch versprochen, sich danach bei mir zu melden.
Klar werde ich warten. Was bleibt mir denn auch sonst übrig? Und eigentlich ist es mir ja ganz recht, wenn sie sich ordentlich einliest, wenn sie bei einem Erstgespräch über etwas mehr Informationen verfügt, als sie die Berichte Chaudhary und das Gutachten Huggler hergeben. Wer weiss? Vielleicht liest sie sich sogar tatsächlich das Dokument durch, das ich ihr zugestellt habe?
Und noch eine weitere Mail ist letzten Freitag bei mir eingegangen, mit der ich schon gar nicht mehr gerechnet habe bzw. die ich gar nicht mehr auf dem Radar hatte: Auf die Organisation „Kinderschutz Schweiz“ bin ich ehrlich gesagt durch einen dummen Zufall gestossen; meine Assistentin hatte eine Bewerbung für mich dorthin geschickt.
Die Organisation
mit Sitz in Bern lobbyiert einerseits auf der politischen Ebene für die Stärkung von Kinderrechten und damit für eine wirksame Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention, während sie andererseits diverse Kampagnen – zum Beispiel zum Thema „häusliche Gewalt gegen Kinder“ – für Schulen und die Öffentlichkeit generell konzipiert. Die Kampagne „mein Körper gehört mir“, welche Grundschulkinder für die Problematik des sexuellen Missbrauchs sensibilisiert, kenne ich sogar noch von R.s Schulzeit. Ein oder zwei Mal brachte er dazu Hausaufgaben mit, die wir uns gemeinsam anschauten.
So richtete ich – nachdem ich mir die Website gründlich durchgesehen hatte – über das Kontaktformular am 13. April 2021 die folgende Anfrage an Kinderschutz Schweiz:
„Guten Abend! Ich bin Beraterin und Autorin des Blogs
. Dort befasse ich mich mit der Thematik der Entfremdung zwischen einem Kind und einem Elternteil. Bei der Ansicht Ihrer Website habe ich eine Menge Informationen zu körperlicher und sexualisierter Gewalt finden können; mich würde jedoch auch die Haltung von Kinderschutz Schweiz zum Thema (induzierte) Eltern-Kind-Entfremdung als eine mögliche Form von emotionaler Kindsmisshandlung interessieren. Hat Ihre Organisation bereits dazu publiziert? Für Hinweise und/oder Publikationen oder Hinweise auf spezialisierte Stellen danke ich Ihnen bestens.“
Nachstehende, in meinen Augen überraschend klare Antwort erhielt ich daraufhin am Freitag von der wissenschaftlichen Mitarbeiterin der Organisation:
„…Zum Thema Entfremdung hat Kinderschutz Schweiz leider noch nichts publiziert. Bei Entfremdung geht es oftmals um Trennungssituationen, wo ein Elternteil das Kind gegen das andere Elternteil ausspielt und somit das Kind sozusagen für das erstere Elternteil als Machtmittel gegen das andere Elternteil genutzt wird. Das Kind entfremdet sich dann vom anderen Elternteil. Entfremdung (Parental Alienation) kann als Form emotionaler Misshandlung dem Kind gegenüber gesehen werden und hat langfristige negative Konsequenzen für die psychische Gesundheit des Kindes…“
Selbstverständlich handelt es sich hier nicht um ein offizielles Statement, sodass ich die Organisation als Solche nicht darauf behaften könnte. Spannend ist aber doch, dass im Zusammenhang mit dem Thema Eltern-Kind-Entfremdung sogleich der Terminus „Parental Alienation Syndrome“ (PAS) genant und dieser dann als eine Form der schweren Kindsmisshandlung klassifiziert wird. Die Existenz von PAS wird von dieser wissenschaftlichen Mitarbeiterin also als gegeben vorausgesetzt, was im Widerspruch zum Beispiel zum Marie Meierhöfer Institut steht. Die beiden mitgeschickten Studien aus dem anglosächsischen Raum werde ich euch in den Folge-Posts zusammenfassen.
Ihr seht also, meine Lieben, dass sich beständig etwas Klitzekleines bewegt. Auch die Pfarrerstöchter begleiten mich weiterhin auf meinen ausgedehnten Frühlingsspaziergängen mit Oak, und übers Wochenende habe ich gleich zwei altbewährte Freundschaften revitalisieren können.
S. und B. kenne ich Beide seit Jahrzehnten; sie gehören zu den Kostbarkeiten des Leebens, die man kaum genug schätzen kann. Bei dieser Art Freundschaft kann man auch nach Monaten oder Jahren wieder genau an dem Punkt anknüpfen, an welchem man sich damals aus den Augen verloren hat. Die gemeinsame Basis reicht aus, um die Zeiten der Funkstille zu überbrücken.
Ich war nie der Typ „allerbeste Freundin“. Das einzige Mal, als ich mich gleich zu Beginn meiner Internatszeit in Deutschland auf ein solches Experiment einliess, ging das so grandios schief, dass ich es – vielleicht abgesehen vom Kontakt zu meiner Leidensgenossin K. -, nie wieder ernsthaft versucht habe.
Freundinnen wie S. und B. decken Einem nicht zuerst mit unterschwelligen Vorwürfen ein, wenn der Kontakt wieder zustande kommt. auch sie wissen, dass die Bewältigung des eigenen Alltags zuweilen so viel Energie verschlingt, dass einem daneben für die Pflege sozialer Kontakte einfach keine Kapazitäten mehr bleiben. Sie sind reflektiert genug, um den Kontaktverlust weder als das Resultat eigenen Versagens noch als Form mangelnder Wertschätzung zu verstehen. Sie wissen, dass sich das Leben um viel mehr als nur diese bilaterale Beziehung Namens Freundschaft dreht, ohne dass dadurch deren Wert gemindert würde. Sie sind deshalb in der Lage, grosszügig auch über meine Unzulänglichkeiten hinwegzusehen.
Gerade darum ist für mich ein Wiedersehen mit solchen Freundinnen jedes Mal von Neuem ein Highlight! Eines hatte ich schon Gestern; gemütlich kochen, dann gemeinsam Mittagessen, ausgedehnt in der Sonne spazieren gehen und zum Schluss noch zusammen mit B. einem riesengrossen Osterhasen die Ohren abbeissen – und daneben viel Austausch über Gedanken und Erlebtes, wobei auch immer wieder du, R., Thema warst.
B. kennt dich, seit du ein Baby bist. Deshalb haben wir uns zusammen an viele kleine Gegebenheiten mit dir erinnert, oder an lustige Sachen, die du gesagt hast. Ich liebe es, gemeinsam mit meinem Paps oder eben B. solche Erinnerungen hervorzuklauben. Damit halten wir dich in unserer Erinnerung lebendig, auch wenn wir wissen, dass du mittlerweile grösser und älter geworden bist.
B. und ich kennen aber auch beide den Ort, an dem ich im Sommer 2019 aufgefangen wurde, nachdem du nicht mehr zu mir zurückgekommen bist. Das verbindet enorm!
Gegenwärtig gehe ich bewusst sparsam mit sozialen Kontakten um. Sowohl die Situation um R. als auch meine Arbeit beanspruchen mich emotional sehr stark, sodass ich für mich schwer berechenbaren zwischenmenschlichen Kontakten eher aus dem Weg gehe. Die Erfahrung mit Herrn Zuber hat mir gezeigt, wie wenig Geduld ich meinem Gegenüber zurzeit entgegenbringen kann. Gerade für das Schreiben des Blogs scheint es mir unbedingt notwendig, ganz nah an mir selbst zu bleiben. Ich mag mich nicht erneut auf „Nebenkriegsschauplätzen“, wie mein Paps das treffend nennt, aufreiben. Darin war ich lange Zeit ein absoluter Weltmeister. Nur immer bei den Anderen sein, für sie in Action bleiben, nur um mich und meinen Schmerz ja nicht spüren zu müssen.
Das zufriedene Alleinsein mit mir selbst habe ich eigentlich erst in den vergangenen beiden Jaren gelernt. Ich liebe diese ausgedehnten Spaziergänge, auf denen ich Nachdenken und meine Gedanken falls möglich mit Podcasts anregen kann! Mehr brauche ich gar nicht. Auch ganz abgesehen von den Covid19-Restriktionen habe ich überhaupt kein Bedürfnis, in die Stadt zu gehen. Zu viele Menschen auf einmal machen mich regelrecht kribbelig.
Die Erfahrung um R. hat mich massiv geprägt. War ich anderen Menschen gegenüber schon zuvor wachsam und daher stets drum bemüht, mein emotionales Territorium gegen allfällige Grenzüberschreitungen (oder was ich als Solche empfand!) abzustecken, so halte ich neue Bekanntschaften jetzt sogar noch ein wenig stärker auf Distanz.
R. und jetzt Oak bilden dabei natürlich stets eine Ausnahme. Sie genossen und geniessen quasi den ungehinderten Zugang zu meinem Herzen, ganz egal, was sie anstellen. Wohl auch darum war und ist R.s Ablehnung für mich so unglaublich schmerzhaft.
Interessanterweise erlaubt mir dieses neu erworbene Wissen um meinen mentalen Schutzwall aber, gewissen Menschen bei bestimmten Gelegenheiten wirklichen Zugang zu meinen Gefühlen zu gewähren. So habe ich meinen Paps in diesen vergangenen beiden Jahren auf eine völlig neue Art kennenlernen dürfen – und er mich wohl auch. Weshalb mir das bei gewissen Menschen gelingt und bei Anderen nicht, werde ich mit meiner Superpsy wohl noch eingehender erörtern müssen. Bei meinem Paps war es sicher matchentscheidend, dass ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl hatte, um seine Liebe oder seine Anerkennung kämpfen zu müssen. Ganz selbstverständlich und ohne jeden Vorwurf kam er mich auch dann besuchen, als ich sowohl objektiv wie auch für mich selbst eine Riesenenttäuschung war. Auch das verbindet, und zwar ganz gewaltig!
Aber da spielen noch viele andere Faktoren hinein. Wenn ich sie herausgefunden habe, ihr Lieben, dann werde ich sie zu gegebener Zeit mit euch teilen!