Kürzlich habe ich einen weiteren, sehr interessanten Podcast auf Youtube entdeckt, das SWR Nachtcafé. Immer Freitag Nachts treffen sich da Menschen – gegenwärtig coronabedingt via Zoom oder Skype -, und berichten 90 Minuten lang über ihre Erfahrungen zu einem bestimmten Thema. Sehr oft geht es dabei um Lebensfragen wie Familie, Umgang mit Vergangenem oder den Tod, oder aber um die grossen Gefühle wie Sehnsucht, Angst und natürlich Liebe.
Sehr spannend finde ich an dieser Sendung, dass genug Zeit vorhanden ist, um in jede Lebensgeschichte – denn das bringen die Teilnehmer*innen in der Regel mit – vertieft einzutauchen. Jemand wird vom Moderator befragt, hat Zeit zu erzählen, die Anderen in der Runde hören zu und stellen ab und zu selbst eine Frage.
Jede Gesprächsrunde ist überdies durch eine Fachperson, meist einen Psychologen oder eine Forscherin, ergänzt, welche sich zwischendurch immer wieder allgemein zum Thema äussert.
So erhalten wir als Zuhörer – wie ich finde -, enorm erhellende Einblicke nicht nur in die Leben der Anderen; wer wie ich nicht umhin kann, das Gehörte danach mit den eigenen Erfahrungen abzugleichen, kann vielmehr noch durchaus spannende Einsichten in die eigene, aktuelle Situation gewinnen.
Zum Beispiel half mir das Nachtcafé insofern, als dass mir dort nochmals vor Augen geführt wurde, was eine wirklich traumatische Kindheit sein kann; nicht selten berichten nämlich Opfer von schwerem körperlichem und sexuellem Missbrauch. R. sind solche Erlebnisse Gott sei Dank erspart geblieben. Niemals habe ich rohe Gewalt oder auch nur Psychoterror angewandt, um als Mutter meine Ziele erreichen zu können. Ankreiden muss ich mir in der Beziehung höchstens, dass ich manchmal vor lauter Stress laut oder dann abwesend werden konnte.
Regelrecht angesprungen aber haben mich die ebenfalls zahlreichen Berichte über mehr oder weniger dunkle Familiengeheimnisse. Nicht über Vergangenes zu sprechen, nur weil damit eventuell unangenehme Emotionen verknüpft sein könnten, macht das Gewesene nicht ungeschehen. Im Gegenteil: Viele Betroffene illustrierten eindrücklich, wie das Ungesagte sie immer wieder einholt, und wie stark das Schweigen der Angehörigen ihr Vertrauen in die eigene Wahrnehmung beeinträchtigt hat. Nicht über die traumatischen Erlebnisse im Spital oder später in der Schule gesprochen zu haben aus Furcht, meine Eltern zu verletzen, hat sich – auch was R.s Erziehung anbelangt -, im Nachhinein als schwerer Fehler erwiesen. Die Auswirkungen auf meinen Alltag waren ja unübersehbar da, und es erwies sich als Sackgasse, diesen Umstand mit viel Engagement gegen aussen und Schweigen nach innen kaschieren zu wollen.
Und damit komme ich zum Knoten in mir, der sich gestern Abend scheinbar wie von selbst gelöst hat. Ich habe wunderbar durchgeschlafen, wachte um halb zehn ausgeruht und optimistisch auf. Das erste Mal nach Tagen machte ich mich mit Lust daran, etwas zum Mittagessen vorzubereiten. Auch Ideen für den Menüplan der kommenden Tage sind mir wie von selbst zugeflogen. Ich habe wieder einmal mit Teddy gelacht, und auch unsere Mitbewohnerin P. konnte ich aufmuntern.
Beim Spazierengehen mit Oak hatte ich nach einer gefühlten Ewigkeit sogar den Eindruck, bereit zu sein für meine Arbeit. Während mich in den vergangenen beiden Wochen jeder Anruf innerlich buchstäblich in Abwehrhaltung versetzt hat, fühle ich mich nun erneut in der Lage, zu geben. Nicht materiell, natürlich, sondern auf einer emotionalen Ebene. Diesen Anspruch habe ich an mich selbst, wenn ich mit Klient*innen arbeite. Die sind selbst oft in ausweglosen Situationen, und dann brauchen sie keine Beraterin, die dieses Gefühl auch noch ausstrahlt. Ohne meinen Klient*innen falsche Hoffnungen zu machen, will ich ihnen – wenn ich nichts Anderes mehr anzubieten habe -, wenigstens etwas Optimismus mit auf ihren weiteren Weg geben. Wenn ich mich dazu nicht mehr in der Lage fühle, schrillen bei mir die Alarmglocken. Doch heute beim Spazierengehen war sie wieder zurück, diese Hoffnung, sogar gepaart mit einerSpur Neugier, wenn ich an die nächsten Herausforderungen, die ich Gestern erwähnt habe, denke.
Seltsam, wie extrem körperlich ich derartige Verarbeitungsprozesse erlebe! Fast wie bei einer kleinen Geburt gärt da zunächst etwas in mir, wächst sich zu einer Krise aus, nur um dann – und das zuweilen schmerzhaft – in eine Erkenntnis und damit nicht selten in einen weiteren Lösungsansatz zu münden.
Das ist sie eben, die alte Bitch, die Kämpferin in mir. Stellt sich erst tot, um dann unvermittelt wieder aufzustehen und etwas Neues auszuprobieren.
Wie mein Plan diesmal aussieht, wollt ihr wissen? Ich werde R. einen Brief schreiben, und egal, ob der Psychologe mitmacht, wird R. diesen Brief bekommen. Darin werde ich ihn loben dafür, wie tapfer und loyal er die neue Familie seines Vaters verteidigt hat. Ich werde ihm sagen, dass ich seine Beweggründe verstehe und dass ich in seiner Situation vielleicht auch diesen Weg gewählt hätte. Raus aus dem Loyalitätskonflikt, wenn diese dummen Eltern es nicht schaffen, dann selbst eine Entscheidung treffen.
Ich werde ihm aber auch sagen, dass er nun genug gekämpft hat. In den kommenden Jahren darf er beim Papa wohnen, das Gericht hat es so entschieden. Ich als Mutter habe diese Entscheidung zu akzeptieren, und damit basta.
Ich werde ihm aber auch sagen, dass er damit keinen Grund mehr hat, gegen uns zu kämpfen. Er braucht die Entscheidung nicht länger mit seiner totalen Ablehnung mir und meiner Familie gegenüber zu zementieren. Da sind jetzt keine Fachpersonen mehr, die Berichte schreiben, und keine Gerichtspräsidentin, der er unter allen Umständen erklären muss, weshalb er lieber beim Papa wohnen möchte.
R. soll wissen, dass zwei Jahre Kampf nun genug sind. Das Leben ist zu kurz, als dass ich als seine Mutter es mit einem Kampf gegen mein eigenes Kind zu vergeuden gedenke.
Ja, auch ich habe Fehler gemacht. Ich habe versucht, R. zu schützen, und deshalb habe ich ihm vielleicht nicht genug darüber erzählt, welche Gedanken und Sorgen mich umgetrieben haben. Er ist aber natürlich nicht blöd und hat es trotzdem gemerkt. Eigentlich hätte ich das aus meiner eigenen Geschichte heraus ja wissen müssen, doch damit war ich selbst immer noch nicht im Reinen.
Auch in unserer Familie ist lange über Vieles nicht gesprochen worden; wenn ich es mir recht überlege, dann waren wir Weltmeister im Reden, ohne dabei die wirklich relevanten Dinge anzusprechen. Wir zeigten uns politisch und literarisch interessiert, wussten für alle Anderen genau, wie sie ihr Leben eigentlich führen müssten, damit es ihnen gut geht. Aber über uns selbst und über die komplizierten Beziehungsmuster, die so automatisch aktiviert werden, dass wir uns dessen erst bewusst werden, wenns wieder mal ganz unvermittelt heftig knallt? Dies zu thematisieren war und ist Tabu.
Auch das hat R. miterlebt. Wie oft musste er mit ansehen, wie zwischen meiner Mutter und mir die Fetzen flogen! Kein wirklich positives Mutterbild, das ich als seine Mama ihm da vermittelt habe. Auch darüber werden wir sprechen müssen.
Einmal mehr muss ich die bemerkenswerte Rolle herausstreichen, die mein Vater in diesen zwei Jahren übernommen hat! Dass er mich die ganze Zeit über ausgehalten hat, ist schon erstaunlich, aber welch tiefgreifende Gespräche wir in dieser Zeit miteinander führen konnten, ist einfach nur grossartig. Schon deshalb verdient er es als R.s Grossvater, dass wir diese Pattsituation endlich auflösen!
Eins steht fest: Wir müssen miteinander reden. R. und ich und meinetwegen irgendein Kinderpsychologe. Ich muss mir anhören, was für R. schwierig und unangenehm war. Ich muss ihm seine Fragen beantworten, muss ihm erklären, weshalb ich irgend einmal nur noch ein Nervenbündel war, das am Ende sogar auf eine wildfremde Frau im Tram losgegangen ist.
Jetzt werde ich ehrlich zu R. sein können. Da sind ja keine sogenannten „Fachpersonen“ mehr, die alles Gesagte interpretieren und darauf basierend ihre Urteile fällen.
Es geht mir nicht darum, mich freizukaufen. Zu den Fehlern, die ich gemacht habe, werde ich stehen, und wenn R. von mir eine Entschuldigung braucht, dann wird er sie bekommen.
Aber ich will nicht, dass R. mit diesem Schweigen zwischen uns erwachsen werden muss. Er soll die Gelegenheit bekommen, sich mir wieder annähern, wieder Vertrauen aufbauen zu können. Er soll die Erfahrung machen dürfen, dass ich nicht das angsteinflössende Monster bin, das er mittlerweile vielleicht in mir sieht.
Wahrscheinlich wird diese Annäherung nicht ohne Unterstützung möglich sein. Darum aber werde ich kämpfen, denn R. muss die Erfahrung machen dürfen, dass man sich nach einem Streit auch wieder versöhnen kann. In Mutter-Kind-Beziehungen kommt ein solcher Bruch normalerweise nicht ganz so früh vor, doch irgend einmal wäre der erste wirkliche Krach ohnehin fällig gewesen.
Jetzt aber soll R. erleben dürfen, dass meine Liebe als Mutter grösser ist als die Verletzungen, die wir Beide aus dieser Schlacht davongetragen haben.
Als ich das Urteil und insbesondere dessen Begründung zum ersten Mal gelesen habe, war ich am Boden zerstört. Ich dachte wirklich, dass ich R. in den nächsten fünf oder sechs Jahren nie mehr sehen würde, nicht miterleben dürfte, wie er vom Jungen zum Mann wird.
Doch jetzt, nach viel Reflexion und einigen gedanklichen „Geburten“ erkenne ich die Chancen, die in diesem Gerichtsurteil schlummern könnten. Wenn es tatsächlich so ist, wie die Fachleute es darstellen, R. also aus freien Stücken seine Entscheidungen getroffen hat und auch künftig trifft, dann müsste der Druck, der mit dem Urteil ja herausgenommen wurde, ihm nun die Freiheit zurückgeben, wieder einen Schritt auf uns zuzukommen.
Oder sind das nur die Hoffnungen einer Mutter, die die Realität nicht akzeptieren kann?