Der unverhoffte Frühlingseinbruch am Wochenende hat mich an einen Tag vor fast genau zwei Jahren erinnert. Am 20.02.2019 kam ich aus Addis Abeba zurück, wo ich Recherchen zur Situation behinderter und vor allem blinder Menschen in der äthiopischen Gesellschaft unternommen hatte. Noch immer sind die Interviews mit Mitgliedern von Selbsthilfeorganisationen und sogar der Trägerin des alternativen Nobelpreises, Yetnebersh Nigussie, auf meinem Computer gespeichert. In den Wochen und Monaten darauf ist dann aber schlicht zuviel passiert, als dass ich dieses interessante Material in einem Bericht hätte verwerten können.
20.02.2019
Mein Vater hat mich in Zürich vom Flughafen abgeholt, wohin ich von Addis über Frankfurt zurückgeflogen bin. Auf dem Nachhauseweg berichte ich von der optimistischen Stimmung, die ich in Gesprächen mit meinen Interviewpartnern oder Zufallsbekanntschaften, die während eines Kaffees das kostenlose WiFi im Hotel genutzt hatten, herausgespürt hatte. Natürlich sind da Vviele Vorbehalte gegen den neuen Regierungschef Abiy; vor allem ein Ingenieur aus dem Süden traut ihm nicht über den Weg, ist er doch als vormaliger Leiter der für ihre Spionagetätigkeit und landesweiten Blackouts berüchtigten Internetbehörde INSA doch unübersehbar mit der alten Elite verbandelt.
Doch der Optimismus überwiegt. Die Leute diskutieren offen über Politik, hoffen auf einen wirtschaftlichen Aufschwung, sind stolz über die neuen Errungenschaften in der Hauptstadt Addis. Das berühmte, von Chinesen erbaute Tram fuhr nur gerade hundert Meter an meinem Hotel vorbei.
Die Chinesen sind wenig beliebt. Viele meiner Gesprächspartner, gut ausgebildete Ingenieure, erzählen mir von kulinarischen Traumata während ihrer beruflichen Weiterbildungen in China. Alle haben sie dort angeblich mehrere Kilo abgenommen, weil sie sich vor den „Scherzen“ ihrer chinesischen Arbeitskollegen fürchteten.
An einer Autobahnraststätte trinken wir einen Kaffee. Mein Vater erzählt mir, dass sich R.s Vater über alle Abmachungen mit der Beiständin Chaudhary hinwegsetzt und nun jede direkte Kommunikation mit ihm verweigert. Nachdem er sich in der Sportwoche trotz mehrerer SMSen gar nicht bei R. gemeldet habe, nur um sich hernach bei der Beiständin zu beklagen, die Grosseltern liessen ihn seinen Sohn nicht sehen, hält er die an einer eilends einberufenen Sitzung getroffenen Abmachungen nur halbherzig ein. Man habe es Frau Chaudhary zurückgemeldet und warte nun darauf, was sie unternehmen würde.
Den ersten Besuch beim Kinderpsychologen Schönfeldt hat R. gemeinsam mit dem Grossvater bereits absolviert. Mein Vater hatte den Eindruck, dass Schönfeldt die Sache geschickt angepackt habe, dass er schon bald auf der Fussballebene das Vertrauen von R. habe gewinnen können.
Zu Hause lade ich mein Gepäck aus und mache mich dann gleich auf den Weg zum Säget-Schulhaus, um R. abzuholen. Die Sonne scheint wunderschön, und so beschliessen wir, auf der Bank neben der Schlossmauer zu Picknicken. R. macht einen fröhlichen und entspannten Eindruck auf mich. Er freut sich aufs YB-Training, an dem er seit einigen Monaten zusammen mit ein paar Jungs vom FC Jegi teilnehmen darf. Ich bringe ihn rechtzeitig zum Zug und verspreche, ihn gemeinsam mit K. und Y. vom Training abzuholen. Danach wollen wir wie verabredet gleich los ins Aqua Basilea.
K. ist meine Leidensgenossin, und Y. ist ihr Sohn. Von K. weiss ich, welche Spielchen sein aus Ägypten stammender Vater seit Jahren unternimmt, um die Beziehung zu ihrem neuen Mann zu zerstören. In dieser Hinsicht scheint er ein echter Psycho zu sein, doch K. meint, die Jungs würden einander gut tun.
Heute hat Y. Geburtstag, und deshalb treffen wir uns nach dem YB-Training auch Alle beim Neufeld, um sofort loszufahren. Meine Koffer sind mittlerweile aus- und die Badesachen eingepackt. Wir kaufen ein paar Sandwiches und Getränke an der Raststätte, und schon eine Stunde später testen wir gemeinsam die erste Rutschbahn im Aqua Basilea.
Der Ort gefällt mir. Er ist riesig, und heute Abend sind kaum andere Besucher hier. Zudem gibt es neben dem Action- auch ein Chillangebot, was die übliche Hektik und vor allem den Lärmpegel, der in solchen Badeanlagen normalerweise herrscht, angenehm dämpft.
Die Rutschbahnen haben verschiedene Farben, doch auf Grund der schlaflos verbrachten letzten Nacht im Flieger fällt es mir schwer, mir zu merken, welche die Schlimmste ist. Die Schwarze ist es jedenfalls nicht, und gemeinsam haben wir sie an dem Tag alle genommen – ausser die Schlimmste eben…
Wenn die Jungs beschäftigt sind, daten K. und ich uns gegenseitig auf. Sie berichtet, dass Y. sie zuweilen abwertet, dass er insbesondere nach Aufenthalten beim Vater Zeit brauche, um sie wieder mit Respekt behandeln zu können. Ich berichte ihr, was mein Vater mir auf der Heimfahrt vom Flughafen erzählt hat. „Oh Mann“, resümieren wir. „Weshalb können diese Typen nicht einfach normal sein!“
Bei unseren leise geführten Unterhaltungen achten wir darauf, dass die Jungs unsere Gespräche nicht mithören. Sie lieben ihre Väter, vergöttern sie geradezu. Wir wollen nicht, dass die Jungs ein schlechtes Bild von ihnen bekommen…
Um 21.00 Uhr stehen wir frisch geduscht und hungrig am Ausgang. K. und ich sind beide Raucherinnen, und nach über vier Stunden Verzicht erscheint es uns legitim, vor der Abfahrt eine zu schloten.
Y. abr goutiert das Verhalten seiner Mutter gar nicht. „Du sollst nicht rauchen“, findet er, und gemeinsam mit R. läuft er davon. „Was war das denn?“ frage ich. „Sein Vater….“ seufzt K.
Als wir zum Auto kommen, sind die beiden Jungs unauffindbar. Wir schauen in den Kofferraum, spähen hinter die Büsche, suchen zwischen den Autos. Schliesslich finden wir sie, versteckt unter ein paar Decken. Doch Y. ist nicht zufrieden.
„Immer machst du so was“, blafft er seine Mutter an. „Du bist einfach blöd.“
Jetzt wird es mir zu bunt. „Hey mein Freund“, sage ich in strengem Ton. „So gehst du nicht mit deiner Mutter um, wenn ich dabei bin.“ „Ach lass ihn“, beschwichtigt K. „Er muss eine Menge aushalten…“
Dass auch ich nur vier Monate später von meinem eigenen Sohn getreten, geschlagen und als „nutzlose Kuh“ beschimpft werden würde, liegt an diesem Abend noch jenseits meiner Vorstellungskraft.