18.02.2021

Ziemlich sicher würde ich Heute nicht mehr leben, wenn nicht Oak genau zur rechten Zeit in mein Leben getreten wäre. R. und ich hatten uns bereits mehrere Male bei der Führhundeschule erkundigt, doch als er noch kleiner war, wurde mir geraten, noch zu warten. Hunde und kleine Kinder haben unterschiedliche Tempi, wenn man mit ihnen unterwegs ist. Kinder brauchen Zeit, immer wieder stehen zu bleiben, um ganz intensiv etwas anzuschauen oder einen plötzlich aufkommenden Gedankengang in Worte zu fassen. Mit Hunden aber muss man richtig ausschreiten können, je länger, desto besser.

Dass R. Oak noch kennengelernt hat, freut mich im Nachhinein. Wir waren nämlich mehrmals zusammen in der Führhundeschule gewesen, um zu sehen, ob die Zeit nun reif wäre für einen Hund. Und als wir uns dann tatsächlich auf die Warteliste setzen liessen, da wollte R. den schwarzen Wilson, mit dem er zuvor hatte Spazierengehen dürfen, grad sofort mit nach Hause nehmen.

Als ich einige Monate später für die Vorbereitungstage nach Basel fuhr, musste ich R. jeden Abend von Ephraim erzählen, der mir für diese drei Tage zugeteilt worden war. Auch die Videos wollte er sich immer wieder ansehen.

Beim allerersten Mal in der Führhundeschule war der Besuch jedoch mit einem Riesenschock nicht nur für uns, sondern auch für einige der Mitarbeiter, verbunden gewesen. R. war daraufhin ein Begriff in Allschwil, genauso wie mein erster Führhund Diablo es war.

Es war ein Besuchstag im Februar 2012, das heisst, mehrere Dutzend Leute waren gekommen, um sich die Schule und die Ausbildungsmethoden – aber natürlich first und foremost die hunde – anzusehen. Gerade sollte die Führung durch die verschiedenen Räumlichkeiten losgehen, als R. auf einmal verschwunden war.

Zunächst glaubten wir, er sei hinüber zu den Spielgeräten für die Welpen gelaufen, wo sich auch die Zwinger für den Freilauf befinden. Doch als wir eine halbe Stunde und sämtliche Schulräumlichkeiten später noch immer keine Spur von ihm gefunden hatten, brach die Panik über mich hinein. Allschwil liegt unmittelbar an der französischen Grenze, und ich sah vor meinem innern Auge R. schon im Kofferraum irgendeines Grüsels im Elsass verschwinden.

„Da unten ist doch noch der Weiher“, sagte jemand. „Vielleicht ist er dorthin gelaufen.“ Oh mein Gott! Wenn etwas wirklich gefährlich ist für kleine Kinder, dann sind es Autos und Wasser! Sofort begann auch hierzu ein Horrorstreifen aus dem mütterlichen Kopfkino-Repertoire abzulaufen.

Mein Nacken versteifte sich, und unerträgliche Kopfschmerzen hatten mich befallen. Ein allumfassendes Gefühl der Ohnmacht und des Versagens ergriff von mir Besitz und führte dazu, dass ich mich langsam aus meinem Körper zurückzuziehen begann.

Auch meine Begleiter und die Receptionistin der Schule, die sich an der Suche beteiligt hatte, wurden langsam aber sicher nervös. R. war grad zwei Jahre alt geworden. Nicht auszumalen, wenn er…

Nach einer Dreiviertelstunde kontaktierte die Receptionistin die Polizei. „Noch nichts gemeldet“, hiess es. „Aber sie suchen…“

Im Nachhinein kann ich nicht sagen, wie lange es bis zum erlösenden Anruf dauerte. R. war von einer amerikanischen Familie beobachtet worden, wie er allein am Ufer dieses Teiches entlangging. Sie nahmen ihn mit im Glauben, er käme vom weiter unten gelegenen Spielplatz her. Doch als sie dort weder ein Mami noch einen Papi fanden, benachrichtigten sie die Polizei, die das fröhliche Bürschchen zurück in die Hundeschule brachte. Diese Führung hatten wir definitiv verpasst, aber uns war ohnehin Allen saukalt, sodass wir uns bald auf den Heimweg machten. R. aber hatte damit seine Marke in Allschwil gesetzt. Bei jedem weiteren Besuch war der kleine Ausreisser nun Thema.

Was R. aber dazu bewogen hat, sich von der Schule zu entfernen und allein etwa einen Kilometer wegzulaufen – besonders bei der Aussicht, bald die Hundewelpen sehen zu dürfen -, ist mir bis Heute schleierhaft. Meine Freundin und ich waren die einzigen Blinden, daran konnte es also nicht gelegen haben.

Aber es ist wohl eines dieser Erlebnisse, wovon jede Muttr in der einen oder anderen Variante berichten könnte. Eine Sekunde nicht aufgepasst – und das Kind ist weg! Dafür muss man nicht blind sein. Aber Gott sei Dank haben Kinder Schutzengel, oft ganze Heerscharen, sodass solche Schrecknisse meist harmlos enden.

Als ich R. dann schliesslich doch verlor, erfolgte der Prozess schleichend. Es war auch nicht so, dass ich nicht wachsam gewesen wäre. Wie bereits geschildert habe ich Anzeichen, dass etwas nicht stimmt, durchaus registriert und sie sogar verschiedenen Fachpersonen gemeldet. Instinktiv spürte ich die Gefahr, die in der Luft lag; seit November 2018 hatte ich zum Beispiel mehrmals Migräneanfälle, die ich im Notfall behandeln lassen musste. Die Panik und das Gefühl der Ohnmacht, das mich spätestens ab Juni 2019 immer regelmässiger befiel, ähnelte ganz fest demjenigen aus der Führhundeschule.

Ausser in den ersten Monaten nach R.s Geburt hatte ich immer den Eindruck zu wissen, wie mein Kind tickt. Auf einmal aber waren da nur noch Selbstzweifel; nichts schien mehr zu helfen. R.s Launen wechselten ständig. Da waren diese Wutanfälle aus dem Nichts heraus, und danach wieder das Bebelige, anhängliche R.li, das sich in der Nacht zu mir ins Bett schlich.

„Ich habe den Eindruck, dass R. mir entgleitet“, sagte ich im Juni 2019 zu meiner Mutter.

Und als er dann wirklich nicht mehr nach Hause kam, war es doch ein furchtbarer Schock.

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